Das Produkt der Arbeit ist der Mensch

Das letzte Stück des schwarzen Schokoladenkuchens zergeht mir im Munde. Mit geschlossenen Augen stelle ich mir vor, dass das kulinarische Wunderwerk (ein bekannter Zürcher Chocolatier würde es zweifellos gerne, wohl erfolglos, imitieren wollen) zwischen einer Pilzexkursion und der Besichtigung einer Friedhofsanlage gebacken wurde. Eine innere Stimme befiehlt mir energisch, endlich den Beitrag zu schreiben, den ich mir vor zwei Jahren vorgenommen habe. Aber jedes Mal, wenn ich sie treffe, offenbart sie einen neuen, verblüffenden Aspekt ihres Schaffens, den ich in meinem Beitrag nicht unerwähnt lassen möchte. Wie zum Beispiel jetzt, nach der Übergabe des Schokoladenkuchens: Dass sie einmal am Bieler 100-km-Lauf teilgenommen habe, in stockdunkler Nacht und bei bösem Regenwetter durch Gemüsestrassen und Feldwege nach Aarberg, Kirchberg und auf dem sogenannten Ho-Chi-Minh-Pfad (Krone des Hochwasserschutzwalles entlang der Emme) gelaufen sei. Dann, bei Kilometer 80, seien ihr Zweifel am Sinn dieser Plackerei gekommen und sie habe den Lauf abgebrochen[1]. Und ein zweiter Aspekt hat mich am Verfassen des Beitrags gehemmt, obwohl gerade dieser eine besondere, lobenswerte Beachtung darin finden müsste. In einer Zeit, in der sich oberflächliche Stimmungsmacher und -macherinnen mit der Anzahl mühelos gedrückter und nach oben zeigender Daumen – Likes – aufblasen, bleibt sie bescheiden, meidet die grosse Bühne, will nicht, dass man viel Aufhebens um ihre Person mache. Es scheint mir, ihre Wissenschaft und ihre fachliche Urteilskraft stünden völlig umgekehrt proportional zu ihrem sachlichen und unscheinbaren physischen Auftritt.

 

Rita Illien, Landschaftsarchitektin

Sie lebt und arbeitet in Zürich und Vals.

2016 erhält Rita Illien, «in Würdigung ihrer Arbeit als Landschaftsarchitektin und als Kennerin und Freundin der Wälder, Pilze und Landschaften Graubündens» einen Anerkennungspreis des Kantons Graubünden. Wir ahnen, dass wir eine ausserordentliche Expertin vor uns haben, als wir mit dem Forum Vals im September 2014 unter ihrer Anleitung eine Pilzexkursion durchführen. Auf dem Weg durch den Vleer Wald, hinunter über den Roonastägg und hinauf zum Moos halten wir eifrig Ausschau nach allem, was einem Pilz ähnlich sieht, und pflücken, was wir können. Danach bewertet Rita präzise das Sammelergebnis, entfernt Giftiges und Ungeniessbares, kommentiert einzelne Exemplare sowie die alpine Pilzwelt. Im Büdemli reicht es schliesslich allen für eine Pilzpastete. Rita ist Pilzkontrolleurin und besucht regelmässig die Weiterbildungen, wo sie und Kolleginnen und Kollegen stundenlang Fälle schwieriger Pilzbestimmungen üben. Zudem bildet sie selber Pilzkontrolleure aus, durchstreift Wälder und Friedhöfe und sieht überall interessante Objekte, die in den Kursen Verwendung finden können.

 

Dann folge ich ihr, letzten Sommer, schwer  atmend durch die Lawinenverbauungen unter dem Hora auf der Suche nach der seltenen Alpenakelei. Ist sie schon verblüht? Findet man sie noch? Rita prüft beim Gehen was sie links und rechts antrifft, Orchideen, Bergscharte, Gelber und Purpur-Enzian, Wilder Brustwurz, Binsen … Und gibt dabei laufend Kommentare ab. Sie benutzt drei Hightech-Hilfsmittel: Eine Superlupe mit Licht; einen Feldstecher, mit dem man auch kleine Dinge, die auf dem Boden liegen, scharf vergrössern kann; ein Handy-App, die sie konsultiert, wenn sie nicht ganz sicher ist, welche Art jetzt vor ihr steht. Sie erfasst Pflanzen- und Pilzarten für Info Flora und kartiert Pilze für die WSL[2]. Gibt es die Pflanzen noch, die vor einiger Zeit an diesem Standort gesichtet wurden? Sind sie verschwunden? Gibt es neue? – Sie zeigt mir die Karte mit den Informationen dazu. Vals und das Tal sind dicht übersät mit roten Punkten, die Informationen der Kartierer zu den Beobachtungen enthalten. Die meisten davon sind sichtbare Ergebnisse von Ritas aufmerksamem Engagement. Denn das alles macht sie ehrenamtlich.

 

Falsch wäre jetzt der Eindruck, Rita stecke ihre Nase immer in Grünzeug und Pilze. Sie interessiert sich ebenso für kulturelle Schöpfungen und gestaltet dazu Ereignisse. Ich nehme an einer Exkursion zu Kapellen und Kirchen in der Lugnezer Umgebung teil. In einer Gruppe besuchen wir die Kirche Sogn Luregn (St. Laurentius), dann die Kapelle Sogn Giusep (St. Josef), beide in Surcasti, die Kapelle Sogn Carlo Borromeo in Uors und schliesslich die Kirche St. Martin in St. Martin/Vals. Über eine Leiter steigen wir hinauf in den Burgfried, der der Kirche St. Laurentius seit 1515 als Glockenturm dient. Überall betrachten wir die reichen Wand- und Deckenmalereien. Jene in der Borromäus-Kapelle waren lange Zeit übertüncht und wurden erst im 20. Jahrhundert wieder entdeckt und freigelegt. – Sie hätte noch weitere Besuchsmöglichkeiten geplant, meint Rita danach. Doch wir sind müde. Es war eine Reise in eine beeindruckende Vergangenheit, die zum Teil bis ins 14. Jahrhundert zurück reicht und dann im gegenreformatorischen Schwung des 16. Jahrhunderts die besondere Ausprägung erhielt. Am meisten trifft mich persönlich, dass ich diese Kulturdenkmäler vorher nie beachtet habe. Ich empfand den Standort der Kirche St. Martin, unter der Kantonsstrasse, im Schattenloch, immer als deplaziert. Vielleicht hätte eine andere Strassenführung den Malereien von Hans Ardüser, aus dem 16. Jahrhundert, zu mehr Beachtung verholfen.

 

Diese kurze Präsentation ist unvollständig. Das Berufsleben von Rita – als ursprünglich gelernte Landschaftsgärtnerin, dann studierte Landschaftsarchitektin und seit Jahren Mitinhaberin eines renommierten Unternehmens in Zürich –

das habe ich hier ausgeklammert. Ebenso ihre Mitarbeit in Stadtbildkommissionen und als Sachverständige in verschiedenen Jurys. Sicher würde der asphaltierte Exerzierplatz vor der neuen Mehrzweckhalle in Vals heute auch kinderfreundlicher und umweltgerechter aussehen, hätte die Gemeinde daran gedacht, die anerkannte Fachfrau aus dem Dorf bei dessen Gestaltung einzubeziehen.

 

Schliesslich, was sind eigentlich die ideellen Bezugspunkte im Schaffen und Leben von Rita Illien, quasi die Theorie, das dahinterliegende Konzept zu ihrem Erfolg? – Vielleicht erstaunt es nicht, dass sie dazu wortkarg bleibt. Sie ist Valserin und hat die hier oftmals vertretenen positiven Werte mit der Muttermilch aufgesogen – die Zeit nutzen im Haus, im Feld, in der Schule; genau beobachten; fleissig, praktisch und naturnah bleiben. Möglich, dass dies als Humus für den Respekt vor der Kreatur und der Umwelt geholfen hat. Wie werden die Räume vor, hinter und zwischen den Häusern oder auf deren Dächern ausgestaltet? Wie die städtischen Zwischenräume auf die vitalen und ästhetischen Bedürfnisse von Menschen, die Existenz von Pflanzen und Insekten? Wie der Friedhof als Ort des stillen Erinnerns? – Rita hat keine vorgefertigten Rezepte parat. Jedoch, einen offenen Blick für Gesamtwirkungen und das Machbare, eine Position gegen das Aufgesetzte und Ortsfremde, den Wunsch, das Richtige im Gespräch mit den Beteiligten zu finden.

 

Liebe Leserin, lieber Leser, hätte ich Rita zugerufen: «Lass mich diese Hände küssen, die diesen Schokoladenkuchen so trefflich gebacken haben», ihre Antwort wäre sicher gewesen: «Lass das mal sein, lieber Freund, diese Hände haben schon ganz anderes getan.»

 

210605 – Jean-Pierre Wolf

[1] Auch ich habe mehrmals am 100er teilgenommen – als Zuschauer, wohnhaft in Biel, der frühmorgens, fast mit Tränen in den Augen, die ersten ankommenden Helden und Heldinnen beklatschen ging.

[2] Info Flora ist das nationale Daten- und Informationszentrum der Schweizer Flora; WSL: Eidg, Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft